„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Diese Worte Jesu am Kreuz gehen uns nahe. Sie schreien die tiefe Verzweiflung, die Angst eines elend Sterbenden in die Welt hinaus. Engste Vertraute haben ihn in seiner größten Not allein gelassen. Er wurde verraten, herablassend behandelt, entwürdigt, gefoltert. In wenigen Minuten wird er sterben. 

Wenn Menschen unsägliches Leid erfahren, fehlen uns oft die Worte und die Wege damit umzugehen. Wir sind entsetzt und fühlen uns hilflos. Wir möchten es nicht aushalten müssen, es ungeschehen machen. Doch das geht nicht.

Wer oder was hilft? Die Menschen auf dem Kreuzweg, die Menschen unter dem Kreuz zeigen es uns: Mitgehen, mitweinen, mitschreien, mitschweigen, mitaushalten, mitklagen. Das hilft.
Wenig hilfreich sind meist Sätze, wie: „Es wird schon wieder gut.“ – „Gott ist immer da und hilf dir schon.“

Wenn sich jemand gottverlassen fühlt, muss ich ihn in dieser Wahrnehmung auch ernst nehmen. Und ich muss auch mich selbst ernst nehmen, wenn ich mich gottverlassen fühle.

Denn oft versuchen wir Gott die Klage zu ersparen, als müssten wir ihn schonen. Gott ist doch immer da und hilft. Darf ich ihm denn sagen: Du bist gerade nicht da, du hast mich verlassen, warum hilfst du mir nicht?

Jesus selbst gibt uns die Antwort: Ja, ich darf! Ich darf mich bei Gott beschweren, ihn anklagen und ihm ruhig sagen, dass mir seine Nähe in einer notvollen Situation verloren gegangen ist. Es gibt Situationen in denen ich an Gott leide oder an ihm verzweifle.

Im Buch der Psalmen findet sich eine ganze Fülle an Klagepsalmen, in denen Betende ihr Leid und ihre Gottverlassenheit zum Ausdruck bringen – so auch der Psalm 22 den Jesus am Kreuz betet. Wenn da Gott gefragt wird: „Warum hast du mich verlassen?“ schwingt ja auch die Hoffnung mit, dass das Gebet nicht ins Leere geht. Zwischen den Zeilen ertönt der Hilfeschrei nach dem Gott des Lebens. „Gotteszweifel und Gottesanklage sind eine besonders intensive Form der Gottessehnsucht.“ sagt der Theologe Erich Zenger. Und ein solches Klagegebet „ist deshalb ein authentischeres Gebet als manche ‚frommen‘ Sätze“.

Oft tragen unsere Gebete den Charakter der Bitte, des Danks oder des Lobpreises. Doch es gibt auch die breite biblische Tradition des Klagegebets. Eines davon betet Jesus selbst an Kreuz. In schweren Situationen kann es uns Worte schenken und uns aus dem Herzen sprechen. Die Klagegebete nehmen die Not eines Menschen radikal ernst. Sie erzählen von einem Menschen, der mit seiner Situation und mit Gott ringt. Und von seinem inneren Kampf, die Verzweiflung zu überwinden und sich zur Hoffnung durchzuringen.

Katja Roth, Pastoralreferentin

Zitate aus: Erich Zenger, Psalmenauslegungen, Bd. 3, S.78.

Orte der Klage und des Gedenkens in unseren Kirchen

Am Karfreitag wird es in mehreren Kirchen Gedenkorte geben, in denen Sie Ihrer Trauer, Ihrem Leid, Ihrer Klage Ausdruck verleihen können. Wir wollen dabei auch besonders den Verstorbenen der Pandemiezeit gedenken. Dabei werden auch passende Texte, Gebete und Musik im Kirchenraum zu hören sein.

Sie finden diese Gedenkorte am Karfreitag in den Kirchen von Dörnsteinbach, Krombach, Mömbris, Niedersteinbach, Reichenbach und Schneppenbach. Die dazugehörigen Tonaufnahmen sind zu hören von 10-14 Uhr und 17-18 Uhr. Vor und nach der Karfreitagsliturgie ist Stille.

Sie sind eingeladen am Karfreitag im persönlichen Gebet Ihre Klage vor Gott zu bringen.